Horizonte erweitern – Vielfalt erleben

„Ausländer raus“, „Nehmen uns die Arbeitsplätze weg“, „Die machen nur Ärger“ – solche und ähnliche Parolen kommen uns zu Ohren, wenn wir vielerorts durch die Straßen gehen – gerade auch in Pößneck. Aus diesem Grund unterstützt die Stadt Pößneck mit dem „Lokalen Aktionsplan“ Projekte, die sich gegen derartige Vorurteile und Rechtsextremismus einsetzen. Der „Lokale Aktionsplan für Vielfalt in Pößneck“ wird durch das Bundesprogramm „Vielfalt tut gut“ des BMFSFJ gefördert. In diesem Rahmen wurde auch das Projekt der Volkssolidarität Pößneck e.V. „Horizonte erweitern – Vielfalt erleben“ gefördert, das Motto begleitete die Mädchen des Mädchenheims Pößneck im Jahr 2010. In enger Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Rumänien der Evangelischen Kirchgemeinden Neudietendorf – Ingersleben, geleitet von Albrecht Feige, setzten sie sich mit den Lebensverhältnissen in Rumänien auseinander. Höhepunkt sollte eine zehntägige Fahrt nach Rumänien sein, während der sie einen Hilfstransport begleiten und mit helfen würden. Im Voraus erläuterte Feige anhand von Dias, wie die Menschen leben, mit ihrer Armut umgehen, wie sie helfen und wie sie Freude und Leid teilen. Im Sommer kam er mit zwei rumänischen Frauen aus Balanu (Retezatgebirge) nach Pößneck, um die gemeinsame Zeit im Oktober vorzubereiten. „Gehen die Kinder dort auch zur Schule?“, „Wovon leben die Leute dort?“, „Kommen die Bären dort auch ins Dorf?“ – solche und viele weitere Fragen stellten die Mädchen bei der Vorbereitung auf die Fahrt im Oktober.

Mit dieser Neugier im Bauch starteten sie am 14.10.2010, um Feige und sein Team während des Hilfstransportes für 10 Tage zu begleiten, zu unterstützen und die Menschen in Rumänien kennen zu lernen. Seit 13 Jahren fährt Feige in seinem Urlaub mit Helfern im Frühling und im Herbst in dieses Land, um mit Menschen Möglichkeiten der Selbsthilfe zu planen, zu organisieren und durchzuführen. Drei Orte besucht der Hilfstransport in dieser Zeit – Orte die von teils existenzieller Armut geprägt sind und zeigen, wie die Menschen auf besondere Weise miteinander umgehen.

Reiche Erfahrungen machten diese Mädchen in Balanu, wo sie die nächsten sechs Tage im Dorfgemeinschaftshaus verbrachten. Seit fünf Jahren finanziert der Arbeitskreis den Bau dieses Hauses und richtet es ein. Sämtliche Bauelemente und die Installationsmaterialien stammen aus Deutschland. Noch am ersten Abend nach der Ankunft wurden die Hilfsgüter ausgepackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Cristina Leon, eine junge Frau, die die Hilfe vor Ort organisiert, würde später alles an die einzelnen Familien im Dorf verteilen.

Während einige Helfer im Haus die Elektro- und Wasserleitungen komplettieren, Schränke montieren, Fliesen verfugen usw. ist auf jeder Fahrt die Beschäftigung mit den Kindern des Dorfes wichtiger Bestandteil. Also ging es gleich am ersten Nachmittag draußen auf der Dorfstraße los, wo die Kleinen bereits voller Spannung warteten. Die Jugendlichen aus Pößneck ließen sofort alle möglichen Vorurteile, Barrikaden und alle Skepsis hinter sich – Mitspielen war angesagt! Die Zuneigung wuchs auf beiden Seiten und ziemlich schnell hatte jedes Mädchen „ihr“ Kind gefunden. Antrada, Raul, Sami und wie sie alle heißen, waren fortan herzlich willkommen!

Die nächsten Tage waren mit Arbeit gefüllt. Bastelarbeiten wurden als Vorlagen vorbereitet, Material bereitgestellt, Äpfel für die Kleinen geschnitten, Brote für die Helfer des Arbeitskreises belegt, eine Schüssel mit Wasser gefüllt – und dann ging es los: Die Kinder kamen in das neu gebaute Haus, wuschen sich die Hände – was dort nicht selbstverständlich ist – und setzten sich an die Tische, alles war liebevoll vorbereitet. Die nächsten 2 bis 3 Stunden gehörten ihnen. Jedes der Mädchen bastelte mit 2 oder 3 Kids Zuckertüten und Körbchen, sie malten, aßen, lachten, probierten Stempel aus und zeigten, wie die verschiedenen Materialien benutzt werden. Was für Kinder in Deutschland selbstverständlich ist, müssen diese Kinder erst lernen. Das verstanden die Jugendlichen sehr schnell und waren gern bereit, zu helfen. „Die Kinder haben manchmal ungewaschen gerochen, aber sie können ja nichts dafür!“ Und schon hatten sie „ihre“ Kinder wieder im Arm.

Zwischendurch kam noch ein Lkw, der weitere Hilfsgüter nach Balanu brachte. Möbel, Lebensmittel, Medikamente, Schuhe, Schulmaterial und vieles mehr wechselten wieder einmal den Besitzer. Doch Zeit mit den Kindern wollten sich die Mädchen jedes Mal gern nehmen.

Natürlich stand auch der Besuch in Kindergarten und Grundschule mit auf dem Plan: „Wie funktioniert das hier in Balanu, zwischen all den Hütten?“, „Wo gehen sie zur Schule, wenn sie die 4. Klasse beendet haben?“, „Wo machen diese Kinder Hausaufgaben?“, „Haben diese Kinder einen Wecker?“ fragten sie Cristina an einem Abend. Sie versuchte zu erklären – und die Mädchen konnten sich nun selbst überzeugen.

Am letzten Tag in Balanu sollte es ein Kinderfest geben. Das musste gründlich vorbereitet werden: Zusammen bastelte Klein und Groß bunte Girlanden und lange Papierschlangen. Als die Kinder wieder nach Hause gehen mussten, schmückten die Mädchen mit den Basteleien den Raum und kochten mit Gabi, der Köchin des Vereins „Pro-Balanu“, das Essen für die Kinder- und Armenspeisung. Jede Woche erhalten sie durch Spenden des Arbeitskreises wenigstens eine warme und gesunde Mahlzeit. Strahlend betraten am nächsten Tag die Kinder mit ihren Eltern, mit alten und behinderten Menschen den Raum. Auch Victoria, 64 Jahre alt, war dabei. Sie kann weder sprechen noch hören und wird von Jahr zu Jahr kleiner. „Die war so süß und hat immer so und so gezeigt!“, erzählte ein Mädchen wohlwollend lachend und begeistert. Es gab keine Distanz, keine Mauern und kein „bin ich nicht cool“ – Gehabe, auch wenn diese Menschen nie gelernt haben, mit Besteck zu essen, was bei dieser Mahlzeit im Haus immer eine besondere Herausforderung darstellt. „Da kann ich nicht mitessen – das schaff` ich nicht. Kann ich bitte beim Austeilen helfen?“ – für einige Mädchen war es schwer, die Not dieser Menschen so hautnah mitzuerleben. Und doch fand jede ihren Platz und es bereitete allen Freude mit zu helfen.

„Aber wie geht das, so zu leben?“, „Wie kriegen die Frauen hier ihre Kinder, wenn kein Arzt und kein Auto da ist?“, „Wovon leben diese Menschen, wenn sie kein Geld haben?“ Diese und viele andere Fragen kreisten in den Köpfen der Mädchen umher. In Gesprächsrunden übersetzte Feige ihre Fragen ins Rumänische und Cristina antwortete den Mädchen und erzählte von dem Alltag in Balanu, in dem das Überleben im Winter ohne die Hilfe aus Deutschland durch viele Spender immer noch ein Überlebenskampf wäre. Doch auch der Arbeitskreis kann nicht helfen, wenn ein Bewohner beim Baumfällen vom Baum erschlagen wird; wenn ein Kind schwer erkrankt und die Ärzte einfach nichts tun; wenn keine Sozialhilfe gezahlt wird, weil der Staat für Balanu kein Geld hat – und das ist schwer zu verdauen!

Viel zu schnell vergingen diese Tage. Ein letztes Mal umarmte man sich – und schon hieß es „La revedere“ – auf Wiedersehen. Schwer fiel das Verabschieden mit dem Wissen, dass die Kinder in ihre Hütten gehen, wo manchmal 12 Leute auf 12 Quadratmetern leben. Die Mädchen haben gesehen, dass durch die Ritzen dieser Holzhütten Wind, Regen und Kälte durchdringt. Sie haben erlebt, dass die Kleinen zu Hause oft nicht auf Zuwendung hoffen können. Sie haben erfahren, dass es in einem Teil der Hütten weder Strom noch fließendes Wasser gibt. Ihnen wurde klar, dass keine Hütte groß genug ist, um jedem Kind einen eigenen Schlafplatz zu bieten.

Und was soll das alles für uns in Deutschland, in Pößneck, gegen Rechtsextremismus bringen? Diese Frage sollten wir wohl anders herum stellen: Was haben die Jugendlichen dort für sich persönlich erfahren? Wie haben sie ihre Zeit mit den Kindern und behinderten Menschen verbracht? Warum haben sie Cristina so viele detaillierte und interessierte Fragen gestellt? Wieso haben sie sich mit Herz und Verstand in die Sache hineingekniet und diesen Kindern soviel Freude geschenkt?

Dieses Miteinander hat den Mädchen neue Horizonte eröffnet. Vielfalt zeigt sich nicht nur in unterschiedlichen Hautfarben und Kulturen, sondern besonders in Momenten der Begegnung. „Die Mädchen sind verändert wieder gekommen“ – das sagte eine Mitarbeiterin des Mädchenheims, die die Jugendlichen in Pößneck empfing. Und diese veränderten Mädchen gehen in ihre Kreise in Pößneck und erzählen, was sie erlebt haben. Dazu brauchen sie keine Ermunterung, kein Seminar, keine Anleitung. Dieses Erleben hat sie zum Nachdenken angeregt. Und das werden ihre Freunde merken.

Lydia Feige, Dipl. – Soz.Päd. (BA)

Weitere Informationen: www.ak-rumaenien.de