Rückschau: Lokaler Aktionsplan in Pößneck und im Saale­-Orla-­­Kreis

Als Rückschau und Reflexion auf den Lokalen Aktionsplan in Pößneck und im Saale-Orla-Kreis (LAP) präsentieren wir hier ein dokumentarisches Filmportrait. Vier Menschen, die stellvertretend für die Zielgruppen des LAP stehen, wurden in ihrer Lebenswirklichkeit innerhalb der regionalen Strukturen begleitet. Sie berichten im Film aus einer jeweils ganz individuellen Sicht von der Notwendigkeit, den Erfahrungen und den Wirkungen des LAP.

Vortrag „20 Wochen deutsche Geschichte“

In Ergänzung zur Mai-Ausstellung „Die geheime Staatspolizei im NS-Gau Thüringen 1933-1945“ laden der SPD-Ortsverein Pößneck, der „Lokale Aktionsplan für Vielfalt in Pößneck“ und der DGB des SOK am

Donnerstag, den 2. Dezember 2010 um 19.00 Uhr

in den Ratssaal des Pößnecker Rathauses

zum Vortrag „20 Wochen deutsche Geschichte“ ein.

Darin untersucht Jürgen K. Klimpke (Kreisheimatpfleger des SOK) Ereignisse von der Reichstagswahl 1933 bis zum 7. Juli 1933 auf dem Territorium des heutigen Saale-Orla-Kreises. Damals übernahmen die Nationalsozialisten demokratisch legitimiert die Macht und schufen innerhalb von nur 124 Tagen die menschenverachtendste Diktatur der deutschen Geschichte. In diesen 20 Wochen veränderte sich das gesamte öffentliche Leben dramatisch und mit einer unglaublichen Schnelligkeit. In nahezu allen seinen Bereichen wurden bis dahin geltende Normen ausgetauscht, griffen Unmenschlichkeit, Willkür und Rassenwahn um sich und tausende bisher unauffällige Bürger, auch an Orla und Saale machten dabei willig mit. Der Vortrag zeigt anhand zahlreicher regionaler Beispiele, wie die Nationalsozialisten arbeiteten und wie viele normale Menschen nicht nur zum Mitläufer wurden, sondern viel zu häufig sogar selbst die Initiative ergriffen, Täter wurden. Ein bewegendes Stück Zeitgeschichte lädt ein zur Diskussion und zur Auseinandersetzung.

Marc Roßner – SPD Ortsvereinsvorsitzender

Kerstin Barbara Roscher – Lokaler Aktionsplan

Ute Walther – DGB-Kreisvorsitzende

SPD Ortsverein Pößneck

Vorsitzender Marc Roßner Tel.: 01795062616

Web: www.spd-poessneck.de

Mail: mail@spd-poessneck.de

Gemeinsam Demokratie entwickeln – Bürgerbündnis für unsere Region

Nachhaltigkeitsprojekt für bürgerschaftliches Engagement für Demokratie und Weltoffenheit sowie gegen Rechtsextremismus und Gewalt

Kontakt und Koordination: Béatrice Preiser * Telefon: 03647/428240 * Telefax: 03647/428239 * Mobil: 0160/3001797 * E-Mail: beatrice.preiser@email.de

Sehr geehrte Damen und Herren,liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, liebe Interessierte und Freunde,

mit Ihrer Teilnahme am Auftakttreffen, Ihrer Mitarbeit und auch Ihrer Mitwirkung bei der Auswertungsumfrage haben Sie einen wichtigen Beitrag zu unserem Projekt geleistet. Je mehr Menschen sich konstruktiv an diesem offenen Prozess beteiligen, umso besser. Ich bin sehr froh, dass sich die meisten Teilnehmer der Auftaktveranstaltung auch an der Umfrage beteiligt haben. Dies erleichtert uns die Vorbereitungen, so dass wir genau da anknüpfen können, wo es sinnvoll ist.

Ich möchte Sie an unseren nächsten Termin erinnern und Ihnen gleichzeitig einige Informationen zusenden, um den Einstieg in das nächste Treffen zu erleichtern. Dieses ist – wie vereinbart – am kommenden

Mittwoch, dem 24. November 2010 um 18.00 Uhr

im Vortragsraum des Gymnasiums „Am Weißen Turm“

(Schulgebäude am Schillerplatz).

Folgende Punkte stehen am Mittwoch auf dem Programm:

  • Vorstellung der Teilnehmer
  • Rückblick – kurze Auswertung des letzten Treffens
  • Zeitplanung für die Weiterarbeit
  • Struktur des Bündnisses, ggf. Verabredungen hierzu
  • Konkretisierung der Zielsetzung des Bündnisses, ggf. Verabredungen hierzu

Ich würde mich freuen, wenn Sie wieder dabei sind.

Viele Grüsse,

Béatrice Preiser

Horizonte erweitern – Vielfalt erleben

„Ausländer raus“, „Nehmen uns die Arbeitsplätze weg“, „Die machen nur Ärger“ – solche und ähnliche Parolen kommen uns zu Ohren, wenn wir vielerorts durch die Straßen gehen – gerade auch in Pößneck. Aus diesem Grund unterstützt die Stadt Pößneck mit dem „Lokalen Aktionsplan“ Projekte, die sich gegen derartige Vorurteile und Rechtsextremismus einsetzen. Der „Lokale Aktionsplan für Vielfalt in Pößneck“ wird durch das Bundesprogramm „Vielfalt tut gut“ des BMFSFJ gefördert. In diesem Rahmen wurde auch das Projekt der Volkssolidarität Pößneck e.V. „Horizonte erweitern – Vielfalt erleben“ gefördert, das Motto begleitete die Mädchen des Mädchenheims Pößneck im Jahr 2010. In enger Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Rumänien der Evangelischen Kirchgemeinden Neudietendorf – Ingersleben, geleitet von Albrecht Feige, setzten sie sich mit den Lebensverhältnissen in Rumänien auseinander. Höhepunkt sollte eine zehntägige Fahrt nach Rumänien sein, während der sie einen Hilfstransport begleiten und mit helfen würden. Im Voraus erläuterte Feige anhand von Dias, wie die Menschen leben, mit ihrer Armut umgehen, wie sie helfen und wie sie Freude und Leid teilen. Im Sommer kam er mit zwei rumänischen Frauen aus Balanu (Retezatgebirge) nach Pößneck, um die gemeinsame Zeit im Oktober vorzubereiten. „Gehen die Kinder dort auch zur Schule?“, „Wovon leben die Leute dort?“, „Kommen die Bären dort auch ins Dorf?“ – solche und viele weitere Fragen stellten die Mädchen bei der Vorbereitung auf die Fahrt im Oktober.

Mit dieser Neugier im Bauch starteten sie am 14.10.2010, um Feige und sein Team während des Hilfstransportes für 10 Tage zu begleiten, zu unterstützen und die Menschen in Rumänien kennen zu lernen. Seit 13 Jahren fährt Feige in seinem Urlaub mit Helfern im Frühling und im Herbst in dieses Land, um mit Menschen Möglichkeiten der Selbsthilfe zu planen, zu organisieren und durchzuführen. Drei Orte besucht der Hilfstransport in dieser Zeit – Orte die von teils existenzieller Armut geprägt sind und zeigen, wie die Menschen auf besondere Weise miteinander umgehen.

Reiche Erfahrungen machten diese Mädchen in Balanu, wo sie die nächsten sechs Tage im Dorfgemeinschaftshaus verbrachten. Seit fünf Jahren finanziert der Arbeitskreis den Bau dieses Hauses und richtet es ein. Sämtliche Bauelemente und die Installationsmaterialien stammen aus Deutschland. Noch am ersten Abend nach der Ankunft wurden die Hilfsgüter ausgepackt und an ihren Bestimmungsort gebracht. Cristina Leon, eine junge Frau, die die Hilfe vor Ort organisiert, würde später alles an die einzelnen Familien im Dorf verteilen.

Während einige Helfer im Haus die Elektro- und Wasserleitungen komplettieren, Schränke montieren, Fliesen verfugen usw. ist auf jeder Fahrt die Beschäftigung mit den Kindern des Dorfes wichtiger Bestandteil. Also ging es gleich am ersten Nachmittag draußen auf der Dorfstraße los, wo die Kleinen bereits voller Spannung warteten. Die Jugendlichen aus Pößneck ließen sofort alle möglichen Vorurteile, Barrikaden und alle Skepsis hinter sich – Mitspielen war angesagt! Die Zuneigung wuchs auf beiden Seiten und ziemlich schnell hatte jedes Mädchen „ihr“ Kind gefunden. Antrada, Raul, Sami und wie sie alle heißen, waren fortan herzlich willkommen!

Die nächsten Tage waren mit Arbeit gefüllt. Bastelarbeiten wurden als Vorlagen vorbereitet, Material bereitgestellt, Äpfel für die Kleinen geschnitten, Brote für die Helfer des Arbeitskreises belegt, eine Schüssel mit Wasser gefüllt – und dann ging es los: Die Kinder kamen in das neu gebaute Haus, wuschen sich die Hände – was dort nicht selbstverständlich ist – und setzten sich an die Tische, alles war liebevoll vorbereitet. Die nächsten 2 bis 3 Stunden gehörten ihnen. Jedes der Mädchen bastelte mit 2 oder 3 Kids Zuckertüten und Körbchen, sie malten, aßen, lachten, probierten Stempel aus und zeigten, wie die verschiedenen Materialien benutzt werden. Was für Kinder in Deutschland selbstverständlich ist, müssen diese Kinder erst lernen. Das verstanden die Jugendlichen sehr schnell und waren gern bereit, zu helfen. „Die Kinder haben manchmal ungewaschen gerochen, aber sie können ja nichts dafür!“ Und schon hatten sie „ihre“ Kinder wieder im Arm.

Zwischendurch kam noch ein Lkw, der weitere Hilfsgüter nach Balanu brachte. Möbel, Lebensmittel, Medikamente, Schuhe, Schulmaterial und vieles mehr wechselten wieder einmal den Besitzer. Doch Zeit mit den Kindern wollten sich die Mädchen jedes Mal gern nehmen.

Natürlich stand auch der Besuch in Kindergarten und Grundschule mit auf dem Plan: „Wie funktioniert das hier in Balanu, zwischen all den Hütten?“, „Wo gehen sie zur Schule, wenn sie die 4. Klasse beendet haben?“, „Wo machen diese Kinder Hausaufgaben?“, „Haben diese Kinder einen Wecker?“ fragten sie Cristina an einem Abend. Sie versuchte zu erklären – und die Mädchen konnten sich nun selbst überzeugen.

Am letzten Tag in Balanu sollte es ein Kinderfest geben. Das musste gründlich vorbereitet werden: Zusammen bastelte Klein und Groß bunte Girlanden und lange Papierschlangen. Als die Kinder wieder nach Hause gehen mussten, schmückten die Mädchen mit den Basteleien den Raum und kochten mit Gabi, der Köchin des Vereins „Pro-Balanu“, das Essen für die Kinder- und Armenspeisung. Jede Woche erhalten sie durch Spenden des Arbeitskreises wenigstens eine warme und gesunde Mahlzeit. Strahlend betraten am nächsten Tag die Kinder mit ihren Eltern, mit alten und behinderten Menschen den Raum. Auch Victoria, 64 Jahre alt, war dabei. Sie kann weder sprechen noch hören und wird von Jahr zu Jahr kleiner. „Die war so süß und hat immer so und so gezeigt!“, erzählte ein Mädchen wohlwollend lachend und begeistert. Es gab keine Distanz, keine Mauern und kein „bin ich nicht cool“ – Gehabe, auch wenn diese Menschen nie gelernt haben, mit Besteck zu essen, was bei dieser Mahlzeit im Haus immer eine besondere Herausforderung darstellt. „Da kann ich nicht mitessen – das schaff` ich nicht. Kann ich bitte beim Austeilen helfen?“ – für einige Mädchen war es schwer, die Not dieser Menschen so hautnah mitzuerleben. Und doch fand jede ihren Platz und es bereitete allen Freude mit zu helfen.

„Aber wie geht das, so zu leben?“, „Wie kriegen die Frauen hier ihre Kinder, wenn kein Arzt und kein Auto da ist?“, „Wovon leben diese Menschen, wenn sie kein Geld haben?“ Diese und viele andere Fragen kreisten in den Köpfen der Mädchen umher. In Gesprächsrunden übersetzte Feige ihre Fragen ins Rumänische und Cristina antwortete den Mädchen und erzählte von dem Alltag in Balanu, in dem das Überleben im Winter ohne die Hilfe aus Deutschland durch viele Spender immer noch ein Überlebenskampf wäre. Doch auch der Arbeitskreis kann nicht helfen, wenn ein Bewohner beim Baumfällen vom Baum erschlagen wird; wenn ein Kind schwer erkrankt und die Ärzte einfach nichts tun; wenn keine Sozialhilfe gezahlt wird, weil der Staat für Balanu kein Geld hat – und das ist schwer zu verdauen!

Viel zu schnell vergingen diese Tage. Ein letztes Mal umarmte man sich – und schon hieß es „La revedere“ – auf Wiedersehen. Schwer fiel das Verabschieden mit dem Wissen, dass die Kinder in ihre Hütten gehen, wo manchmal 12 Leute auf 12 Quadratmetern leben. Die Mädchen haben gesehen, dass durch die Ritzen dieser Holzhütten Wind, Regen und Kälte durchdringt. Sie haben erlebt, dass die Kleinen zu Hause oft nicht auf Zuwendung hoffen können. Sie haben erfahren, dass es in einem Teil der Hütten weder Strom noch fließendes Wasser gibt. Ihnen wurde klar, dass keine Hütte groß genug ist, um jedem Kind einen eigenen Schlafplatz zu bieten.

Und was soll das alles für uns in Deutschland, in Pößneck, gegen Rechtsextremismus bringen? Diese Frage sollten wir wohl anders herum stellen: Was haben die Jugendlichen dort für sich persönlich erfahren? Wie haben sie ihre Zeit mit den Kindern und behinderten Menschen verbracht? Warum haben sie Cristina so viele detaillierte und interessierte Fragen gestellt? Wieso haben sie sich mit Herz und Verstand in die Sache hineingekniet und diesen Kindern soviel Freude geschenkt?

Dieses Miteinander hat den Mädchen neue Horizonte eröffnet. Vielfalt zeigt sich nicht nur in unterschiedlichen Hautfarben und Kulturen, sondern besonders in Momenten der Begegnung. „Die Mädchen sind verändert wieder gekommen“ – das sagte eine Mitarbeiterin des Mädchenheims, die die Jugendlichen in Pößneck empfing. Und diese veränderten Mädchen gehen in ihre Kreise in Pößneck und erzählen, was sie erlebt haben. Dazu brauchen sie keine Ermunterung, kein Seminar, keine Anleitung. Dieses Erleben hat sie zum Nachdenken angeregt. Und das werden ihre Freunde merken.

Lydia Feige, Dipl. – Soz.Päd. (BA)

Weitere Informationen: www.ak-rumaenien.de

Impressionen vom 11.09.2010 – Protestveranstaltung gegen rechtsextremistische Bestrebungen in Pößneck und anderswo.

Am 31.08.2010 wurde das sogenannte „Fest der Völker“, das in Pößneck angemeldet war, abgesagt. Auch wenn dies ein Grund zur Freude ist, ist es wichtig für unsere Stadt ein deutliches Zeichen gegen rechtsextremistische Bestrebungen zu setzen. Deshalb fand unsere demokratische Veranstaltung unter dem Motto „Diese Stadt hat Nazis satt 2.0“ trotzdem statt.

Pößnecker Aufruf

KEIN ZWEITES „FEST DER VÖLKER“ in unserer Stadt am 11. September 2010

 

Die NPD hat für den 11.9.2010 erneut das europaweit beworbene Konzert von rechtsradikalen Bands in Pößneck mit dem irreführenden Namen „Fest der Völker“ angemeldet. Im Jahr 2009 ist es in der Zusammenarbeit aller demokratischen Kräfte gelungen, aus dem ersten Versuch dieser Veranstaltung in Pößneck ein schlecht besuchtes Hinterhofkonzert zu machen, das seine geplante Öffentlichkeitswirkung so gut wie gar nicht erreicht hat.

In diesem Jahr kann es für Demokratinnen und Demokraten nur ein Ziel geben: Das berüchtigte Nazi- Spektakel darf in Pößneck nicht stattfinden! Dazu werden alle Menschen mit demokratischer Gesinnung aus Pößneck und der ganzen Republik aufgerufen, sich mit Ideen und aktiver Teilnahme einzubringen. Die gelungenen Aktionen aus anderen Städten, allen voran Jena und Dresden, sollen uns dabei Orientierung und Hilfe sein.

Viele Menschen aus dem ganzen Land stehen mit uns in solidarischer Verbindung und werden die Pößneckerinnen und Pößnecker unterstützen. Lassen Sie uns in einer breiten und bunten Bewegung zeigen, dass undemokratisches und menschenverachtendes Gedankengut weder in unserer Stadt noch in Jena, Dresden oder anderswo Platz greifen kann!

Lesung – Neonazis in Nadelstreifen

Lesung: Andrea Röpke
„Nazis in Nadelstreifen. Die NPD auf dem Weg in die Mitte der Gesellschaft“ –  am 10.06.2010, um 19.00 Uhr im Pößnecker Rathaus

Achtung: Die Lesung findet im Rathaus statt und nicht wie wie auf dem Flyer angegeben in der Stadtbibliothek „Bilke“

Die Veranstaltenden behalten sich nach § 6 des Versammlungsgesetzes vor, von
ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Parteien
oder Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder
bereits in der Vergangenheit durch rassistische, nationalistische oder antisemitische
Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren
oder von dieser auszuschließen.

…betrifft Schützenhaus

Pößneck bleibt Aufmarschgebiet der Rechten

Flagge auf Halbmast
Flagge auf Halbmast

Auch nach dem Tod Jürgen Riegers im Oktober 2009 bleibt das Schützenhaus in der Hand rechtsextremer Kreise. Wie die JournalistInnen Andrea Röpke und Maik Baumgärtner berichteten, steht bis jetzt fest, dass die Immobile des Schützenhauses von Rieger quasi treuhänderisch verwaltet wurde. Rieger war zudem Verwalter der „Wilhelm Tietjen Stiftung Ltd.“, einer Stiftung für Fertilisation, deren Vermögen auf über eine Millionen Euro geschätzt wird.

Der kinderlose ehemalige Lehrer Wilhelm Tietjen (1903-2002) vererbte sein Vermögen der rassistischen „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung e. V.“ (GfbAEV) und setzte Rieger als Testamentsvollstrecker ein. Seitdem war Rieger Geschäftsführer der Wilhelm Tietjen Stiftung und Vorstandsmitglied GfbAEV zugleich. Dies wurde bei der Durchsicht der von Rieger hinterlassenen Papiere festgestellt. Zwar ist die rassistische GfbAEV noch nicht formal als Erbe der Tietjen-Stiftung eingetragen, aber der in Schleswig-Holstein ansässige Verein gilt als zukünftiger Eigentümer des Schützenhauses und einer weiteren Immobilie in Niedersachsen.

Es werden also nicht, wie eigentlich erwartet worden war, die vier Kinder des NPD-Anwalts die Immobilien erben, sondern eben jener rassistische Verein, der im Januar dieses Jahres zudem einen neuen Vorsitzenden wählen musste. Dabei handelt es sich um den bekannten Neonazi Marc Müller, der innerhalb der von Jürgen Rieger gegründeten Artgemeinschaft („Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“) eine wichtige Rolle einnahm und als dessen Vertrauter galt. Müller und dessen Ehefrau Petra, die eine Mitbegründerin des NPD-Ablegers „Ring nationaler Frauen“ ist, waren bereits in der verbotenen „Wiking-Jugend“ sowie der seit 2009 ebenfalls verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ aktiv.

Das neue Straßenschild
Das neue Straßenschild

So ist es auch nicht verwunderlich, dass am 6. Februar ein Rechtsrock-Konzert im Schützenhaus stattfinden konnte, zu dem Andre Kapke, einer der führenden Neonazis in Thüringen, per SMS ausgewählte Gäste geladen hatte. Aus verlässlichen Quellen verlautbarte, dass bis zu 200 Personen ins Schützenhaus gekommen waren, um vermutlich drei Bands aus der rechten Musikszene zu lauschen.

Auch am 27. Februar sollte erneut ein Konzert im Schützenhaus stattfinden, das allerdings durch das Oberverwaltungsgericht in Weimar verhindert werden konnte. Wie die OTZ berichtete, hat das OVG Weimar ein weitgehendes Nutzungsverbot für Veranstaltungen verhängt, da das Haus erhebliche Brandschutzmängel aufweist. Auch an diesem Wochenende sollten wieder knapp 200 Neonazis anreisen.

Initiative gegen das Vergessen weiter aktiv

Gegen diese nicht enden wollenden Umtriebe wurde in der vergangenen Woche jedoch ein zivilgesellschaftliches Zeichen gesetzt. In einer Gedenkveranstaltung in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirchgemeinde Pößneck gedachte die parteiunabhängige Initiative Aktionsbündnis Courage (ABC) gemeinsam mit zahlreichen interessierten Bürgern der Stadt den ermordeten drei Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, Sophie und Hans Scholl sowie Christoph Probst. Nach einem Friedensgebet und einem Mahngang durch die Geschwister-Scholl-Straße wurde am Schützenhaus das Straßenschild jener Straße, die den Namen der mutigen Geschwister trägt, symbolisch erneuert. Dieses Schild soll daran erinnern, dass im Gedenken an die selbstlose Tat der Ermordeten, Engagement und Wachsamkeit notwendig sind, um Vielfalt und Toleranz in einer Gesellschaft zu sichern, die fern von Rassismus und Intoleranz bleiben möchte.

Plakatwand am Schützenhaus stärkt die "Toleranzgrenze" (Bild: ABC)
Plakatwand am Schützenhaus stärkt die „Toleranzgrenze“ (Bild: ABC)

Vandalismus an der Toleranzgrenze

Auf den Seiten des Freien Netz Jenas, einer rechtsextremistischen Internetseite, die in engem Zusammenhang zum braunen Haus in Jena steht, ist jüngst eine Meinung über den Preis für Zivilcourage, den die Stadt Jena jährlich vergibt, veröffentlicht worden. Unter der Überschrift „Zivilcourage als Etikettenschwindel“ spekulieren die Autoren der Seite darüber, wer denn die Auszeichnung dieses Jahr in Empfang nehmen könnte. Nach einigen Ausführungen, kommt das Freie Netz dann zu einem abschließenden Urteil: „Von der vielbeschworenen Zivilcourage im eigentlichen Sinne kann man jedoch in keinem der Fälle sprechen. […] Der Jenaer Preis für Zivilcourage ist ein Etikettenschwindel der übelsten Sorte und die Preisträger werden nur aus einer politischen Intention heraus durch ein Gremium gewählt, was sich für wirkliche Zivilcourage einen Scheißdreck interessiert.“ (Zitat Homepage FN Jena)

Vanalismus an der Toleranzgrenze 3Dann werden sich die Mitglieder des Freien Netzes, die ja offensichtlich mehr von Zivilcourage verstehen, fragen lassen müssen, welchen Mut eine ihrer kürzlich hier in Pößneck durchgeführten Aktionen beweißt. Es wurden nämlich die Toleranzgrenzenschilder, die in einem Kunstprojekt entstanden und 2009 vor dem Schützenhaus aufgestellt wurden, beschädigt und mit Aufklebern des Freien Netzes beklebt. Wie die hier veröffentlichten Bilder beweisen, handelt es sich um einen Akt von Vandalismus, der mit Zivilcourage allerdings nicht das Geringste zu tun hat, wie wir meinen.

Pößneck, den 31.03.2010


Zusatz

Das Freie Netz Jena gab heute, bezüglich des „Farbbeutelattentats“ auf das Haus des Jenaer Oberbürgermeisters Dr. Albrecht Schröter im Februar, bekannt, dass der Fall nun abgeschlossen und die Täter ermittelt seien. Diese kämen eben nicht aus der rechten Szene, sondern „einem anderen politischen Umfeld.“ Nach einigen geschmacklosen Beleidigungen wird dann behauptet, dass man den Angriff auf das Haus des Oberbügermeisters verurteile, weil man durchaus in der Lage sei, die eigene Weltanschauung argumentativ zu verteidigen.

Wie wahr diese Behauptung ist, zeigen die oben veröffentlichten Bilder allerdings sehr deutlich.

Pößneck, den 01.04.2010